MEMORIES

Deutscher Titel
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Alternativ-Titel

Katsuhiro Otomo's "Memories"
 



  Land : Japan   Regie : Koji Morimoto (1) Tensai Okamura (2) Katsuhiro Otomo (3)
  Jahr : 1995   Produzent : Shigeru Watanabe
  Laufzeit : 113 min.   Drehbuch : Satoshi Kon (1) Katsuhiro Otomo (2 & 3)
  Format : 1.85:1   Schnitt : Takeshi Seyama
     Musik : Yoko Kanno (1) Jun Miyake (2) Hiroyuki Nagashima (3)

Sprecher
?



Bei Katsuhiro Otomo's MEMORIES handelt es sich um eine Sammlung von drei Kurzgeschichten, die zwar alle irgend-wie im Science Fiction-Bereich angesiedelt sind, die sich in formaler, inhaltlicher und atmosphärischer Hinsicht jedoch stark von einander unterscheiden... Otomo selbst fungiert hierbei als Drehbuchautor der zweiten und der dritten und als Regisseur der dritten Story.




Los geht's mit Episode 1 "Magnetic Rose". Die ebenso ereignislose wie undankbare Routine der vierköpfigen Besatzung des heruntergekommenen Müllsammler-Raumschiffs "Corona" wird von einem eingehenden S.O.S.-Signal zerrissen. Obwohl nur Fetzen aus der Oper "Madame Butterfly" zu hören sind, ist die Crew gezwungen, der Sache nachzugehen.

Der Ursprungsort des Signals entpuppt sich als ein im Weltraumfriedhof gelegenes Gebilde aus Schiffswracks.
Als sich die Crew-Mitglieder auf den Weg in die Tiefen des monströsen Gebildes machen, stoßen sie auf die Relikte des prunk- vollen Lebens einer Operndiva aus dem 20sten Jahrhundert. Nach und nach geraten sie dabei in eine ebenso anziehen-den wie selbstzerstörerische Welt aus Träumen, optischen Täuschungen und fernen Erinnerungen...




Wer den Zeichenstil von Mamoru Oshii's GHOST IN THE SHELL (1995) oder der beiden PATLABOR-Filme (1990, 1993) mochte, wird sich hier wahrscheinlich von Beginn an wohl fühlen. In akkurat gezeichneten und flüssig animierten Bildern entfaltet Koji Morimoro eine tragische Geschichte mit geradezu epischen Augenblicken.

Neben einigen spannenden und unheimlichen Momenten kommt es auch zu einigen actionreichen Sequenzen, die nicht unbedingt durch ihre Länge, dafür aber durch ihre gute Dosierung und ihre exzellente Machart überzeugen können. Re-sultat : Ein hervorragendes, melancholisches SciFi-Drama mit trauriger Story, bewegenden Momenten und etwas Action auf technisch höchstem Standard ! Übrigens basiert "Magnetic Rose" auf der gleichnamigen Manga-Kurzgeschichte von Katsuhiro Otomo. Somit hätte Otomo
seine Finger in jeder Episode irgendwie mit drin.




In Episode 2 "Stink Bomb" schluckt ein unbedeutender Laborarbeiter eines großen Pharmazie-Konzerns auf der Suche nach einem Heilmittel gegen seine lästige Grippe eine Pille, die niemals auf den Markt kommen sollte. Ein erholsames Nickerchen später muss der Arme entsetzt feststellen, dass sich außer ihm nur noch Leichen in dem Gebäude befinden.

Im Auftrag von sinisteren Super-Bossen des Konzerns macht sich der völlig verwirrte Kerl nun mit geheimen Papieren im
Gepäck mit einem Motorrad auf den Weg nach Tokyo
und bemerkt dabei nicht, dass er auf eine furchtbare Weise mit
den Todesfällen in Verbindung steht. Es folgt der Auftritt der japanischen Armee, die ihr komplettes Arsenal auffährt, um
den etwas unterbelichteten Typen zu stoppen...




In den ersten fünfzehn Minuten wird am Spannungsaufbau gearbeitet, sobald die große Verfolgungsjagd beginnt, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend auf comichafte, von jazzig-psychodelischen Klängen untermalte Action. Das hört sich toll an (und ist es eigentlich auch), doch leider stehen die erstklassigen, im Vergleich zu "Magnetic Rose" noch etwas detailreicheren Bilder und noch etwas komplexeren Animationen in einem sehr unausgewogenen Verhältnis zum Inhalt...

Zwar befindet sich auch der eine oder andere politische und sozialkritische Seitenhieb in der Geschichte, so dass auch diese Episode ein gewisses Niveau erreicht, doch besonders bei wiederholter Sichtung kann hier zwischendurch schon mal ein Gefühl der Leere aufkommen. Für mich ist "Stink Bomb" ganz klar der schwächste Kandidat der Sammlung,
was aber keineswegs bedeuten soll, das Teil sei schlecht. Es kommt vielleicht ganz einfach auf den Kontext an, in dem
man das Werk sieht. Und das heißt in diesem Fall überschattet von zwei Giganten !




Denn in Episode 3 "Cannon Fodder" nimmt Otomo (AKIRA in Manga- und Animeform) persönlich das Zepter in die Hand und kreiert scheinbar im Handumdrehen eine ebenso faszinierende wie abstoßende, an Nazi-Deutschland und George Orwell's "1984" erinnernde Welt. Hier geht es um eine große Stadt, die sich im Krieg mit einer anderen, fernen Metropole befindet. Nur seit wann oder warum, das weiß irgendwie keiner mehr so genau.

Die Protagonisten der Geschichte sind Vater, Mutter, Kind einer ganz normalen Durchschnittsfamilie, die abwechselnd
bei ihrer täglichen Routine beobachtet werden. Er ist ein Niemand einer Arbeitertruppe, die zur Aufgabe hat, immer
wieder Kanone Nummer 17, das mächtigste Geschoss der Stadt, zu laden und zum Abschuss vorzubereiten. Während
Sie sowas wie "Sieg Heil"
skandierend am Fließband einer Munitionsfabrik für Nachschub sorgt, muss der Sohne-
mann in der Schule die Ohren spitzen, um nichts über Ballistik zu versäumen. Der würde nämlich zu gerne irgendwann
selbst einmal die Kanone abfeuern dürfen...





Die eindringliche Anti-Kriegs Botschaft ist nicht zu übersehen... SS-Runen zieren Stahlträger, Arbeiter wanken leichen-blass aus Güterzügen und "No Conquest Without Labour" prankt in Runenschrift an jeder zweiten Häuserwand. Hier
ist wohl keine weitere Erklärung notwendig. Dennoch ist "Cannon Fodder" völlig frei von jeglicher Belehrungsmentalität. Das liegt nicht nur an den immer wieder geschickt eingebrachten, eher subtilen Feinheiten, sondern auch daran, dass
in dieser Episode weitestgehend die Bilder sprechen.

So richtig böse wird das ganze dadurch, dass alle Menschen auch geistig in dieser Welt gefangen zu sein scheinen. Alles spielt sich in den bereits existierenden Grenzen ab, darüber hinaus werden die Zustände so gut wie nie hinter-
fragt. Obwohl größtenteils Routine auf der Tagesordnung steht und eigentlich nichts außergewöhnliches passiert,
gelingt es Otomo immer wieder, spannende Situationen aufzubauen (wobei das Laden und Feuern der riesigen Kanone im Tagesablauf und somit auch im Film den Höhepunkt darstellt). Aber auch der interessante Zeichenstil und die tolle formale Gestaltung halten den Aufmerksamkeitsgrad auf höchstem Niveau.

Otomo und sein Team haben sich für diese Episode nämlich etwas ganz besonderes einfallen lassen und präsentieren
die gesamte Geschichte von ca. 22 Minuten Länge ganz nebenbei ohne einen einzigen Schnitt ! Nur eine collagen-
hafte Überblendung an der einen oder anderen Stelle ist zu entdecken. Wow, ich kann mich gar nicht entscheiden, ob
nun "Magnetic Rose" oder "Cannon Fodder" mein Favorit ist.





Ich bin schon lange nicht mehr von einem Anime so beeindruckt gewesen wie von MEMORIES. Dieses Teil ist einfach nur fett ! Jede Episode (auch die zweite) hat etwas besonderes und kann auf ihre Art begeistern. Und das im großen
und ganzen sowohl auf inhaltlicher als auch formaler Ebene. Wer für alles offen ist, sollte sich dieses geniale Werk auf gar keinen Fall entgehen lassen ! Das gilt selbstverständlich nicht nur für Anime-Fans. (ab)


Wertung    



Von MEMORIES gibt es ein japanisches LD Box-Set, eine Standard-DVD und ein DVD Box-Set. Die LD-Box enthält 3 Discs in CAV, bietet sehr gute Qualität und hat neben 2 schönen Booklets auch noch einiges an Extramaterialien (ein
30 minütiges Making Of- und Interview-Segment, den Trailer zum Film und über 500 Background Paintings, Zeichnungen und Entwürfe) zu bieten. Bild in Lbx 1.85:1, Sound in Dolby Sourround. Das ganze natürlich ohne englische UT !
Die DVD-Fassungen bieten ebenfalls sehr gute Qualität und haben neben einem Bild in Lbx 1.85:1 anamorph auch die wichtigen englischen UT im Angebot ! Außerdem gibt's die kompletten Extras der LD-Fassung dazu. Sound in Dolby Sourround oder DD 5.1. Das Box-Set kommt im Gegensatz zur Standard-Disc in einer schönen Box im LD-Format, die auch die beiden schicken Booklets enthält. Eine Neuauflage der Standard-DVD ist für Ende 2003 / Anfang 2004 geplant.

Nach gut acht Jahren soll Ende 2003 / Anfang 2004 endlich auch eine US-DVD des Films erscheinen !


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